03.06.2020

Mondschein bei Sonnenschein

Auf den Spuren alter Wegetrassen zwischen Grevenbrück und Finnentrop

Es ist erstaunlich, wie gut Wegeforschung inzwischen vom heimischen PC aus betrieben werden kann, denn digital verfügbare alte Karten und die online abrufbaren digitalen Geländemodelle (DGM) lassen die meisten Erhebungen und Eintiefungen auch in waldreichen Gebieten gut erkennbar werden – oft besser als mit dem Auge. Dennoch bleibt die Feldforschung unerlässlich, weil nur vor Ort die Geländegegebenheiten (z. B. wo ist es zu steil oder zu feucht für einen Wegeverlauf?) wirklich klarwerden und der ein oder andere Hohlweg auch tatsächlich im Boden sichtbar ist, aber nicht im DGM.

Die Erkundung einiger im digitalen Geländemodell z.T. noch deutlich sichtbarer Hohlwege zog mich vor dem langen Pfingstwochenende in das Sauerland. Bei schönstem Sonnenschein ging es nach Lennestadt-Grevenbrück, wo mindestens seit dem Mittelalter eine Brücke über die Lenne bestand. Schnell wurde mir klar, weshalb der in der Literatur und in alten Karten beschriebene Weg nicht von der Brücke aus direkt nach Norden führte, sondern einen Umweg über Trockenbrück nahm: hier befinden sich steile Felswände, die allerhöchstens erklettert werden könnten. Nördlich davon befand sich mein eigentliches Ziel: der Mondschein, ein Bergrücken zwischen Hespecke und Mißmecke. Hier waren im DGM deutliche Hohlwegspuren, meist mehrere parallel verlaufende, zu erkennen. Aber ich fand auch eine quer zu den Hohlwegen angelegte Struktur, von der am PC schwer festzustellen war, ob es sich um Wälle oder Gräben handelt. Zudem ist in der Literatur die Rede von wegbegleitenden Wällen, die im DGM wiederum nicht erkennbar sind. Dies galt es zu klären.

  • Das Digitale Geländemodell von der Gegend hatte ich als Grundlage die ganze Zeit bei mir (Quelle: GeoBasis NRW 2020). 

  • Eine „coronafreundliche“ Dienstreise: Außer zwei Reiterinnen und einem Spaziergänger mit Hund ist mir niemand begegnet (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Dieser gut ausgeprägte Hohlweg verlief nur wenige Meter neben dem heutigen Weg, bewegt sich dann aber auf die Höhe zu, während der Spazierweg weiter am Hang entlangführt (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Hier hat der Hohlweg die Höhe fast erreicht (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Diese Bank war zu verlockend für eine kleine Trink- und Verschnaufpause (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

Die meisten Hohlwege ließen sich im Wald leicht finden und verfolgen. Allerdings endete mein erster Ausflug in das Gebüsch mit vier winzigen Zecken, die auf meiner langen, hellen Hose das Bein hinaufkrabbelten. Also hieß es: nach jedem Streifzug abseits der Wege die Beine absuchen und unerwünschte Mitreisende abschütteln. Andere Hohlwege wiederum verloren sich in Tannenschonungen, denen wir u.a. unsere unermüdliche Zufuhr von Weihnachtsbäumen verdanken. Für eine Nichtsauerländerin wie mich war die riesige Fläche, die die Baumplantagen einnehmen, ein kleiner Schock. Hohlwege waren unter den dicht über dem Boden wachsenden Tannen genauso wenig erkennbar wie unter dichtem Brombeergestrüpp.

Der nächste Schock ereilte mich oben auf dem Mondschein. Hier war ein Großteil des (Kiefern)Waldes entweder durch einen Sturm oder wegen Schäden durch den Borkenkäfer komplett abgeholzt worden und es bot sich ein Bild der Verwüstung. Alle Hohlwege, die sich unter und zwischen den Baumresten, Wurzeltellern und Holzhaufen befinden, sind wohl spätestens dann für die Nachwelt verloren, wenn das Holz mit schweren Maschinen abgefahren wird. Dies ist sicherlich nur  e i n  Beispiel dafür, dass die durch den Klimawandel bedingten extremen Wetterlagen auch archäologische Denkmäler gefährden.

Nach 4 ½ Stunden intensiver Suche und Dokumentation im Wald rund um den Mondschein war ich dann doch froh, in der Ferne wieder den Dienstwagen zu erblicken, in dem weitere Wasser- und Essensvorräte auf mich warteten, bevor ich mich auf den Rückweg nach Münster gemacht habe.

Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass nur vor Ort wirklich ersichtlich wurde, dass es begrenzte Möglichkeiten gab und gibt, von Grevenbrück aus auf den Mondschein zu kommen und dass die heutige Straße „Am Ellenberg“ das Gelände optimal ausnutzt um mit der geringsten Steigung nach oben zu gelangen. Dies wird wohl auch im Mittelalter sehr ähnlich gewesen sein. Der Verlauf der Hohlwegbündel konnte bestätigt und z. T. noch ergänzt werden. Aber es gibt auch noch weitere Schreibtischarbeit für die nächsten Tage. Die quer verlaufende Struktur war auch im Gelände nicht eindeutig als Hohlwegsystem oder Wegsperre zu identifizieren. Aber mit dem vor Ort gewonnenen Eindruck und meinen Fotos bewaffnet kann ich nun weitere Expert*innen hinzuziehen und komme hoffentlich zur Auflösung. Wegbegleitende Parallelwälle habe ich – soweit ich in das Unterholz vordringen konnte – nicht angetroffen. Auch die Einordnung der Wegtrassen in einen größeren räumlichen und zeitlichen Zusammenhang wird Aufgabe der nächsten Zeit sein. Vermutlich gehören die Hohlwege zu einer spätestens seit dem Spätmittelalter genutzten Strecke von Grevenbrück nach Arnsberg.

Ein erfolgreicher Tag auf dem Mondschein bei Sonnenschein.

(Text: Ulrike Steinkrüger)

  • Weihnachtsbaum- und Baumplantagen waren allgegenwärtig (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Schock auf dem Mondschein: Ein Teil des Waldes, durch den die alten Wege führten, war verwüstet (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Unter den Holzresten befinden sich die im DGM sichtbaren Hohlwegspuren, vermutlich werden sie beim Abräumen des Holzes zerstört werden (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Erstaunlich wie weit manche fahren, um ihren Müll abzuladen. Die nächsten bewohnten Gebiete befinden sich in rund 1 km Entfernung (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Wegsperre oder Hohlweg? Diese Geländestruktur bedarf noch der weiteren Erforschung (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Dieser Hohlweg führt steil bergab, bei genauerem Hinsehen ist links die Hauptspur und rechts eine zweite Ausweichspur zu erkennen (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).

  • Nach der intensiven Recherche war es schön, in der Ferne den Dienstwagen zu entdecken (Foto: Altertumskommission für Westfalen/U. Steinkrüger).


Kategorien: Wegeforschung · Was gibts neues?

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